Abbruchunkultur: wieviel schlimmer muss es noch werden?

Ein kleiner Rückblick über die letzten Wochen und ein aktueller Fall: die Jazztage Dresden brauchen jetzt Unterstützung.

Wenn man sich, wie Gunnar Kaiser und ich, intensiv mit einem Phänomen wie der Cancel Culture und verengten Debattenräumen beschäftigt, droht ja bekanntlich die Gefahr, dass die eigene Wahrnehmung sich verzerrt. Sehen wir das Phänomen überall, sind wir also Opfer des „Bestätigungsfehlers” („confirmation bias“)? Oder beschäftigen wir uns mit dem Phänomen, weil es tatsächlich überall sichtbarer und immer dringlicher wird? Schreiben Sie uns dazu gerne Ihren persönlichen Eindruck oder berichten Sie uns von Vorfällen die wir nicht sehen, sei es als Kommentar unter diesem Beitrag oder direkt per Mail an: kontakt@idw-europe.org.

Presseschau

Wenn Sie vor lauter Presseberichten den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen (uns geht es manchmal auch so), hier ein kleiner Überblick über die letzten Wochen.

  • Im BR sprach Knut Cordsen mit Erstunterzeichner Christian Illies über die Beweggründe, den Appell zu unterschreiben (hier zum Nachhören). Cordsen zum Thema “Beifall von der falschen Seite”: “Dazu hat Hans Magnus Enzensberger schon 1962 geschrieben: ‘Die Angst vor dem 'Beifall von der falschen Seite' ist nicht nur überflüssig. Sie ist ein Charakteristikum totalitären Denkens.’ Enzensberger meinte schon damals: ‘Jeder, der sich überhaupt öffentlich äußert’, werde diesen ‘Vorwurf‘, Beifall von der falschen Seite zu erhalten, ‘zu hören bekommen; kaum einer, der nicht dann und wann versucht wäre, jenem Beifall aus dem Wege zu gehen, Rücksicht auf ihn und auf alle die zu nehmen, die ihm zur Last legen, wofür er nicht haften kann: die Meinung seiner Zuhörer. Leicht zu sehen, daß Kritik sich unter ihren heutigen Bedingungen taktisch verhalten, oder verstummen muß.’ “ Dazu Illies: “Ich denke, er hat etwas wirklich sehr gut auf den Punkt gebracht, konnte aber damals noch nicht ahnen, wie sich die Rezeptionsbedingungen – die Weise, wie Überzeugungen weitergetragen werden – durch die neuen Medien umfassend radikalisieren würden. Es gibt immer weniger Schutzräume privaten Auseinandersetzens beim Debattieren und Diskutieren. Die Universität, der ursprünglich geschützte Raum, ist längst mehr oder weniger in die Öffentlichkeit getragen.”

  • Der Literaturwissenschaftler Jan Freyn hat schon im Juli in der ZEIT über linke Spießer geschrieben, welche die Höhe der Diskurshecken kontrollieren und ihre eigene Hegemonie nicht anerkennen. Als Erstunterzeichner des Appells bringt er nun seine Motivation auf den Punkt, Zeit Online: „Zwar würde ich – contra Voltaire – mein Leben nicht dafür geben, dass Baberowski Redefreiheit gewährt wird, aber ich bin jedenfalls dazu bereit, trotz unserer ideologischen Differenzen mit ihm einen Appell zu unterzeichnen, der im Kern nichts anderes fordert als eine Kultur, in der wir uns beide öffentlich zu Wort melden können, ohne `Deplatforming`-Kampagnen befürchten zu müssen.“

Dass die Unterzeichner des Appells höchst divers sind, zeigt immer wieder ein Blick auf die Liste der Unterzeichner, die weiter wächst und die Sie hier einsehen können. Kostprobe von heute gefällig?

  • „Verblüffend und ziemlich phantasielos“ findet Schriftstellerin (sowie Erstunterzeichnerin) Cora Stephan im Interview mit der „Jungen Freiheit“, dass es nur noch zwei Schubladen geben soll, in die man zu passen hat. Sie selbst war mal im undogmatisch-linken Teil der Frankfurter Sponti-Szene aktiv und meint: „Ich halte es seit Jahrzehnten mit Paul Verlaine: `Ich bin nicht immer meiner Meinung.` Übersetzt: Ich ändere sie, wenn starke Evidenz ihr widerspricht. Das könnte man auch Vernunft nennen.“

  • In der Sendung „Hart aber Fair“ vom 5.10. ging es um die Frage, was man heute noch sagen darf.

  • Es war eine besonders gelungene Sendung, die eine schöne Flughöhe erreichte, auch Dank des Einsatzes von Ex-Chefredakteur des SZ-Magazins und Erstunterzeichner des Appells, Jan Weiler, und der gewohnt scharfsinnigen Chefredakteurin des Philosophie-Magazins, Svenja Flaßpöhler. Zu Gast war auch Andrew Onuegbu, ein afrikanischstämmiger Koch aus Kiel, der sich weigert, sein Restaurant „Zum Mohrenkopf“ umzubenennen: „Ich brauche keine Weißen, die mir sagen, wann meine Gefühle verletzt sind“. Das wiederum gefiel dem Aktivisten und Publizisten Stephan Anpalagan nicht, der den Koch daraufhin darüber belehrte, dass er mit dieser Haltung falschliege. Nun, was sagt uns das, wenn Aktivisten wie Anpalagan den Sprachkonformismus dringender brauchen, als die vermeintlichen Opfer, die sie zu schützen vorgeben? Wessen Interessen verteidigt ein Herr Anpalagan dann in diesem Fall? Die der Opfer? Oder doch eher seine eigenen?

Die Dresdner Jazztage sind in Gefahr

Uns erreichen täglich Nachrichten, Beobachtungen und auch Lesetipps von Ihnen, die uns irritieren und teilweise sprachlos machen:

  • Die Science-Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim (> 1 Mio. Follower) regte kürzlich an, die Wissenschaftskommunikation zu regulieren und eine Art “Tüv” einzuführen. Zuviele verschiedene Ansichten aus der Wissenschaft würden die Menschen nur verwirren. Ein Gedanke, der dem Wesen der Wissenschaftsfreiheit diametral zuwiderläuft. Nguyen-Kim bekam übrigens vor kurzem das Bundesverdienstkreuz verliehen. Gunnar Kaiser hat den Vorschlag hier ausgiebig kommentiert:

  • In der Pariser Banlieue wurde gestern ein Geschichtslehrer auf offener Straße enthauptet. Er hatte im Unterricht eine Diskussion über Mohammed-Karikaturen mit seinen Schülern geführt. Dazu die NZZ.

Last but not least: Die „Jazztage Dresden“, das vielfältigste und längste Jazzfestival Deutschlands, sollen am 21. Oktober beginnen, werden aber von einem unschönen Versuch von Cancel Culture überschattet. Wie schon im letzten Jahr (und wie seit Monaten bekannt), wird es im Rahmen der Jazztage auch Vorträge geben, u. a. einen des Schweizer Historikers Daniele Ganser, der wegen seiner Forschungen und Fragen zu den Anschlägen vom 11. September 2001 immer wieder als Verschwörungstheoretiker bezeichnet wird. Nun forderte u.a. ein im August gegründeter Jazzverband in Sachsen, Ganser wieder auszuladen.

Und es wird noch unappetitlicher, wie man es vom Ungeist der Cancel Culture inzwischen kennt: es wurden doch tatsächlich Musiker und Sponsoren abtelefoniert, um diese zu einer Absage oder einem Entzug der Unterstützung zu bewegen. Dies wohlgemerkt in höchst fragilen Corona-Zeiten und eine Woche vor dem Beginn des Festivals. Und tatsächlich: ein Sponsor ist abgesprungen, ein Hauptkünstler hat abgesagt.

Der Intendant der Jazztage, Kilian Forster, zeigt jedoch Rückgrat und bleibt bei seiner Einladung an Ganser. Er wolle damit auch ein Zeichen für die Meinungsfreiheit setzen. Es sei besser, nicht auszuladen sondern zu reden. Sein Angebot: die Kritiker sollen doch Wissenschaftler ihrer Wahl mitbringen, die Gansers Thesen widersprechen, und dann werde in einer Sonderveranstaltung öffentlich diskutiert. Auch Musiker, die Ganser kritisch gegenüberstehen, sollen kommen. Diskutieren und musizieren, so löst man Differenzen. Das wäre doch mal was Neues!

Intendant Forster schreibt auf Facebook:

„Ich freue mich auf zahlreiche Kritiker, auf dass sie auch mir die Augen öffnen, dass Daniele Ganser ein auszugrenzender Verschwörungstheoretiker sei. Ich frage mich aber, wer dies in einer freien Welt festlegt, ab wann man als Verschwörungstheoretiker ausgegrenzt wird. Wir stehen für einen freien Debattenraum und die freie Meinungsäußerung und wünschen uns eine respektvolle Diskussion miteinander und nicht übereinander.“

Es besteht so zumindest zur Stunde die Chance, dass aus einem Beinahe-Unfall vielleicht noch eine kleine Sternstunde der Demokratie wird. Gunnar Kaiser und ich würden uns das jedenfalls wünschen und haben Hilfe angeboten. Wenn Sie ebenfalls helfen wollen, auf welche Weise auch immer, erreichen Sie die Festival-Leitung unter folgender Adresse: info@jazztage-dresden.de

Sonstige Aktivitäten: Ihre Stimmen werden sichtbar! Wir haben nun die ersten 300 Einsendungen (von über 900!) mit Stellungnahmen von Ihnen sortiert und veröffentlichen diese bzw. Auszüge davon ab jetzt auf unserem Facebook-Kanal. Mehr von uns bzw. von Ihnen gibt es auch auf Youtube oder Telegram und ganz neu: Instagram. Feedback von Ihnen ist immer gerne gesehen, wir lesen alles, können aber nicht immer persönlich antworten. Sie erreichen uns unter kontakt@idw-europe.org, oder wenn Sie auf diese Mail antworten.

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