Corona: Testlauf für Autoritäre

Nicht Diktatoren schaffen Diktaturen, sondern Herden. Wir müssen uns die Demokratie zurückerkämpfen!

Dieser Text erschien am 28.04.2020 als Kolumne in der NZZ. Ich veröffentliche ihn hier erneut, denn inzwischen denke ich: was, wenn das gerade nicht der Testlauf, sondern schon der Ernstfall in Richtung Ende der Demokratie ist? Woran würden wir es merken? Wem würden wir glauben? In Kürze mehr zum Thema hier auf “Freischwebende Intelligenz”. Sie lesen diesen Beitrag kostenlos, können mich aber gerne mit einem Abonnement unterstützen.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hielt König George VI. von England, der von Kind an stotterte, die Rede der Stunde. Sie ist im Film «The King´s Speech» von 2010 verewigt. Die Rede ist schonungslos ehrlich, unprätentiös, mutmachend und visionär. Einer der Kernsätze lautet: «We can only do the right as we see the right». Ein Monarch ohne formale Macht zeigte Führungsstärke, allein mit der Kraft des Wortes – ohne vorzugeben, schon vorab genau zu wissen, was passieren wird.

Die Krise des Leadership wird gerade offensichtlich. Statt auch mal mit unpopulären Vorschlägen in die Offensive zu gehen, handeln Politiker nach der bekannten Defensivstrategie: zuerst geht es ums eigene Überleben. Fake-Führungsstärke ist, wenn man erst das Problem verschlafen hat, dafür aber dann umso brachialer reagiert. Der österreichische Kanzler Kurz ist ein gutes Beispiel dafür, siehe Ischgl. In Bayern schlüpft Markus Söder in die Rolle des protestantischen Corona-Kaisers. Und der Grossteil der Medien applaudiert brav.

Ein Rätsel ist derzeit, was der deutsche Bundespräsident Steinmeier eigentlich beruflich macht. Ihm fällt tatsächlich in dieser Krise gar nichts ein. Kein Wort des Mutes, keine Rede, nichts. Er zeigt vielmehr, wie überflüssig dieses Amt des obersten Preisverleihers und Schirmherrn doch eigentlich ist. George VI. überwand sein Stottern mit einem Sprachtrainer. Was aber macht man jetzt mit Menschen in Führungspositionen, die in ihrem Leben weder Mut noch einen originellen Gedanken hatten?

Den Staatsmann zeichnet aus, dass er langfristig denkt und für unpopuläre Entscheidungen im Hier und Jetzt notfalls persönliche Opfer bringt. Der Kapitän geht in Zeiten der Havarie als letztes von Bord. In der Coronakrise sitzen die Politiker bereits im Rettungsboot und beschallen die Havarierten mit dem Megaphon darüber, was gerade der Stand der Wahrheit ist. Alles ist gerade auf die «offizielle Version» geeicht, ob in Medien, Medizin oder Krisenstrategie. Alternativvorschläge unerwünscht, selbst von Medizinern. Nachfragen in Pressekonferenzen von Journalisten? Kommt gerade etwas ungelegen. Die Botschaft: richtig ist, was wir tun – sonst täten wir es ja nicht.

Nur, was richtig ist, gleicht einem Tanz mit Pirouetten und wilden 180 Grad Drehungen. Für die einen sind Masken nutzlos, für die anderen werden sie zur Pflicht. Die einen wollen auf Impfstoffe warten, andere Desinfektionsmittel injizieren, der Mensch besteht in seinem Inneren ja bekanntlich aus Edelstahl. Warum das Zeug nicht gleich trinken? «Sagrotan Smoothie» statt «Singapore Sling», der neue Szenecocktail, bald auch in Ihrer geheimen Bar!

Die Welt lernt gerade eine Lektion in Sachen Abschaffung der Demokratie. Grundrechte, wie Meinungs-, Versammlungs-, Gewerbe- und Religionsfreiheit sind kein Privileg des Staates an den Bürger, sondern geben den Rahmen vor, in welchem der Staat mit Erlaubnis des Bürgers überhaupt erst handeln darf. Auf einer Parkbank ein Buch lesen? Sich unter freiem Himmel versammeln und ein Plakat hochhalten? Es wird vielerorts so getan, als bräuchte man dafür jetzt eine Art «Lizenz», selbst wenn man die Abstandsregeln einhält. Wie wäre es stattdessen bei Politikern für eine juristische Nachhilfestundenorgie in Sachen Rechtsstaatsprinzip?

Die Coronakrise droht zu einem Testlauf für Autoritäre zu werden. Wie brav sind die Schäfchen? George Bernanos wusste: nicht Diktatoren schaffen Diktaturen, sondern Herden. Es gibt keine Demokratie, die auf blindem Gehorsam aufgebaut ist.

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