Geht´s noch blöder, Herr Söder?

Der bayerische Ministerpräsident produziert Realsatire am laufenden Band. Jetzt hat er den höchsten Gipfel erreicht. Und die Schweizer müssen ihm für ewig dankbar sein.

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Vor kurzem postete Markus Söder ein Selfie von sich und Alexander Dobrindt auf der Zugspitze. Brav mit FFP-2 Maske und dem üblichen Bavaro-Merchandising. Die Höhenluft muss offenbar direkt auf den Tugendsignalisierungsinstinkt gewirkt haben. Fotos aus dem Nationalpark Berchtesgaden zeigten Markus Söder noch ohne Maske. Was ist also auf dem Weg passiert? Man will sich vorstellen, wie sie da hochgeschnauft sind, Söder mit seinem etwas boshaft-wirren Augenbrauenfixierungsblick, schnauff-schnauff, den Alexander Dobrindt im Schlepptau, beide ohne Maske natürlich, denn – «Hallo, wir sind am Arsch der Welt!» – und man muss ja die Grenzen des gesunden Menschenverstandes nicht völlig überspannen, nicht wahr?

Und dann oben angekommen, Markus zum Alexander: «Hey, Selfie, schleich dich her jetzt.» Oder wie man eben mit Untertanen kommuniziert. «Ah halt, Schmarrn, wir müssen die Maul-Windel drüberziehen, sonst dreht die Plebs durch, wenn wir nicht auch ab und zu wie die Weißschnabelraben daherkommen. Wo isn’ die gleich wieder?» Die Häme auf Twitter kam postwendend: Demnächst «Team Vorsicht» auch mit Anschnallgurten zu Fuß unterwegs.

Söder, – für die, die es nicht wissen – wäre gerne eine Art Überlichtgestalt, ein Oberkaiser mit direktem Augenkontakt zu Strauß und Beckenbauer. Doch er hat in Sachen Autoritätsgewinnung eine eigenartige Strategie. Er ist dabei in der Rolle eines etwas grantigen Zirkusdirektors, der mit seiner Show immer dorthin tingelt, wo thematisch was los ist. Meinungen ändert er wie Mäntel, bei ihm ist immer Karneval, auch wenn er ihn absagt, mal ist er Shrek mal ist er Gandhi mal ist er Greta. Gerade ist er gerne Greta. Zwischendurch hält er gerne für Fotografen Gegenstände in die Kamera, das scheint in der PR-Beratung Münchens irgendwie hemdsärmelig konnotiert zu sein. Auf Twitter veröffentlicht er seine, wie ich sie nenne «Södernalia», etwas sadistisch angehauchte, aber eben schön hemdsärmelig-autoritär klingende Stakkato-Sätze à la «Haben xy gemacht, brauchen aber mehr. Wir tun was. Gut für Bayern!»

Das letzte erwähnenswerte Södernalium ist ein Twitter-Eigenlob, in dem er verlautbaren lässt, dass die Inzidenzen zuletzt wegen der im Söderschen Reich besonders harten Maßnahmen gesunken seien. Der Södersche Wanderzirkus ist nämlich auch immer dort, wo alles richtig gemacht wurde. Und richtig ist bei Söder immer eines: Härter, schneller, garantiert opportunistisch und gerne mal oberüberflissentlich brachial. Ein Politiker wie ein Scooter-Song, der im Corona-Winter – dem Stalingrad des kleinen Provinzfürsten – seine aufdringlich-eintönigen Durchhalte- und Vertröstungsparolen herum megaphoniert.

Wie sich da wohl erklärt, warum es in der Schweiz trotz lockererem Corona-Knast zum Abfall der Zahlen gekommen ist? Könnte das nicht den Sinn der scharfen Maßnahmen in Bayern und auch sonst in Frage stellen? Nein, bitte wo denken Sie hin? So blasphemisch auch noch. Es gibt eine einfache Erklärung: Die jüngste Verlegung der Schweizer aus dem kleineren Maßnahmen-Gefängnis ins nächst-grössere Maßnahmen-Gefängnis durch den wachhabenden Bundesrat, sie hat ihren Ursprung eben in Bayern, in der söderschen Theorie der Fernwirkung bajuwarischer Weitsicht. Man schickte die coronafreien Aerosole mit dem bekannten bayerischen Südwind durch die Alpenschluchten einfach in die Schweiz. Ohne Söder wäre die Schweiz jetzt eine einzige Quarantänestation, aber immerhin ist das Rote Kreuz ja schon vor Ort.  

Die Bayern schätzt man ja oft für ihre Bodenständigkeit. Man muss aber zugeben: Sie haben aus den Wahnsinnigen und Machtgeilen im Land rein historisch gesprochen eher spät die Luft rausgelassen. Der Märchenkönig Ludwig II. soll bei einem Badeunfall gestorben worden sein. Der andere zog bekanntlich von München nach Berlin weiter. Und so wundert es einen schon, dass man jenseits der Alpen bei soviel söderscher Realsatire noch so artig ist.

Apropos artig: Immerhin seine Tochter ist ja gerade ganz unartig im Risikogebiet Monaco auf Urlaubsfahrt gesichtet worden. «Team Unvorsicht» oder wie man es auch nennen könnte «Leben». Wenigstens eine Normale in der Familie. Möge am Wesen von Gloria Sophie das bajuwarische Rest-Rebellentum genesen.


Dieser Beitrag erschien zuerst als Kolumne im Satiremagazin Nebelspalter. Sie erreichen mich unter kontakt@idw-europe.org oder indem Sie auf meine Mail-Sendung antworten. Sie finden alle bisher erschienen Beiträge im Archiv.

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