Vorschläge für eine geglückte Kommunikation

Was, wenn wir gerade dabei sind, die Standards der Aufklärung über Bord zu werfen? Wir brauchen jetzt ein Detox des Debattenraums. Eine Kolumne.

Bleibt auf dem aktuellen Stand:


Es gibt ein berühmtes, klassisches Experiment des Psychologen Solomon Asch zur Messung von Konformität. Darin wird getestet, ob Individuen vor einem Gruppenkonsens einknicken, selbst wenn sie erkennen, dass dieser total falsch liegt. Das Ergebnis gibt auch heute noch zu denken: je grösser die Gruppe, desto grösser die Konformitätsrate. Ein homogenes Umfeld erstickt Widerspruchsgeist. Es ist kein Zufall, dass Gruppen oder auch Institutionen wie Medienanstalten, Universitäten oder der Kulturbetrieb so selten innovativ sind. Sie pflegen zu oft strukturell eine Atmosphäre des falschen Konsenses.

Das funktioniert eine Weile. Irgendwann reissen die falschen Wänden jedoch ein. Und dann ist das Getöse gross. Dazu gleich.

Wir erleben gerade eine Krise der freien Urteilsbildung. Unterschiedliche Auffassungen werden nicht mehr ausgehalten und ausdiskutiert, sondern diskreditiert, Menschen ebenfalls. Der Debattenraum wird kuratiert. Die banalste Technik dafür ist das Framing. Und die Diskussion um Covid ist nur eines von zahlreichen Beispielen dafür. Ob eine Expertenmeinung etwas taugt, darf derzeit nicht der Leser für sich selbst herausfinden. Er bekommt es vom Redakteur gesagt, der Autoritäten und Experten nach gusto auswählt.

Es heisst dann: „Der anerkannte Experte X und Berater der Bundesregierung“ sagt dies, während der „umstrittene Professor Y“ etwas anderes behauptet. Es ist wie beim Wrestling: „bad guy“ und „good guy“ stehen fest, dafür gibt es dort auch Codewörter. Doch beim Wrestling weiss jeder, dass es um einen bierseligen, publikumswirksamen Simulationssport geht. Jedes Medium der Welt behauptet zugleich felsenfest von sich: wir berichten objektiv. Das ist, gelinde gesagt, natürlich eine fromme Wunschvorstellung.

Die Realität ist betrüblich. Die einfachste Möglichkeit, sich heutzutage lästige Themen, Personen oder Ansichten vom Leib zu halten, sind Denunziationsbegriffe, wie „umstritten“, „rechts“, „antisemitisch“ und – besonders beliebt – „verschwörungstheoretisch“. Einmal mit einem solchen toxischen Etikett belegt, ist man im öffentlichen Raum nicht mehr satisfaktionsfähig. Sondern ein Aussätziger. Es funktionierte in der Vergangenheit bei Einzelpersonen recht gut.

In den letzten Monaten ist die Kommunikation in Sachen Covid jedoch aus dem Ruder gelaufen. Sie ist kollabiert. Es wurde irgendwann in Vernünftige (die der Regierung folgen und zu Hause bleiben) und die unvernünftigen „Covidioten“ (Demonstranten) unterschieden. Das Bashing durch Politiker und Journalisten trifft nun weite Teile der Bevölkerung pauschal. Das ist, vorsichtig gesagt, keine gute Strategie. Denn sie macht aus disparaten Gruppierungen auf Demonstrationen, die vielleicht gar nichts mit einander zu tun haben, erst ein Opferkollektiv, das man dann umso stärker bekämpfen zu müssen glaubt. Und es spaltet, statt zu einen. Man betreibt ein Social Distancing des Geistes. Und damit auch der Information.

Kollabierte Kommunikation mit der NZZ

Am 01. September 2020 veröffentlichte ich in der Neuen Zürcher Zeitung die Kolumne „Kollabierte Kommunikation: Was, wenn „die Covidioten“ recht haben“. Der Text ist aktuell im Monat September, wie mir erzählt wurde, wohl mit über 230 000 Likes und Shares der meistgeteilte journalistische Text im deutschsprachigen Raum. Der Inhalt: unspektakulär. Es geht um eine Kritik des Missverhältnisses zwischen aktuellen Todesfallzahlen bzw. Hospitalisierungen und der Verhältnismässigkeit aktueller Covid-Massnahmen der Politik.

Der Text ist kein Erfolg, sondern Dokument eines Misserfolgs. Das gewaltige Echo dieses Textes ist das tatsächliche Krisenphänomen. Denn der Texte hallte und dröhnte so laut, weil er in einem relativ leeren Raum zu hören war. Und er schien genau dadurch etwas aufzubrechen.

Ich schreibe etwa seit fünfzehn Jahren und seit fast sechs Jahren überwiegend für die NZZ, doch was seit Anfang September passiert ist, habe ich noch nie erlebt. Mich erreichten unendlich viele Nachrichten mit dem Tenor „Endlich sagt´s mal einer.“ Wie kann das möglich sein, in einem freien Debattenraum? Ging hier nicht ein Riss durch die falsche Wand zwischen Mainstream-Medien und freien, kritischen Kanälen? Als kurze Zeit später die Anfrage von Ken FM kam, mit der Bitte den Text als Podcast produzieren zu dürfen, zögerte ich natürlich zuerst, sagte aber letztlich zu. Auch die NZZ wirbt aktiv um kritische Leser in der Covid-Diskussion. Einige davon dürfte von alternativen Medien wie KenFm und Co. kommen. Es ging also mit dieser (meines Erachtens juristisch völlig rechtmässigen Zweitwertung) nicht darum, geistige Komplizenschaft zwischen diametral auseinander liegenden Medien herzustellen. Es gibt keine „KenZZ“. Sondern darum, eine vielleicht falsche Bruchlinie in einer öffentlichen Diskussion aufzuzeigen. Eine Bruchlinie, die den Diskurs hemmt. Eine Milchglasscheibe.

Ein Text spricht für sich und wird nicht besser oder schlechter dadurch, dass er auf der ein oder anderen Plattform erscheint. Dass Ken Jebsen, als wohl erfolgreichster Sammler von Denunziationsbegriffen in der Medienszene, für viele ein rotes Tuch ist, war mir bewusst. Doch es war eben auch u.a. auf dieser Plattform, wo lange Interviews mit z.B. Prof. Sucharit Bhakdi geführt wurden, einem Gegner der offiziellen Coronapolitik. Auch er war wohl irgendwann durch das Erscheinen auf KenFm toxisch geworden. Jedes Medium hat seine Lieblingsexperten, das ist nichts Neues. Und es ist auch egal, ob er oder ein Drosten am Ende Recht hat. Das Publikum will einen Austausch beider Parteien sehen! Keine Einwegkommunikation.

Es ist bezeichnend, dass der Bürger so ein Gespräch quasi nie erleben darf. Warum nicht? Öffnen wir den Debattenraum für diese derzeit „unmöglichen Gespräche“, es gäbe für alle dadurch viel zu gewinnen. Solange das nicht geschieht, bleibt der klassische Journalismus unter seinen Möglichkeiten und verblasst zunehmend in monotoner Ödnis. Widerspruch, egal von wem er kommt, bringt Dinge in Bewegung. Das ist auch die Erkenntnis aus den Experimenten von Asch: taucht ein Nonkonformist auf (dieser ist „asch-negativ“), folgen ihm andere nach. Der falsche Konsens zerfällt.

Was jetzt zu tun ist, ist nicht schwer zu erraten:

Verzichten wir auf Diffamierung, gehen wir auf die Argumente ein. Ausschliesslich. Aber sprechen wir mit jedem. Kommunikation gelingt erst, wenn hinter dem toxischen Label oder Stigma wieder die Person, der Mensch zum Vorschein gebracht wird.

Erkenntnis ist erst dann möglich, wenn es zur wirklichen Erörterung der strittigen Punkte kommt. Machen wir das doch einfach mal!

Auf Basis derart gebildeter Urteile kann der Bürger am ehesten Entscheidungen treffen. Ohne Zugang zu gesicherten Tatsachen oder Informationen ist Meinungsfreiheit eine Farce, meinte Hannah Arendt.

Mir ist natürlich bewusst: ich werfe mich derzeit etwas verhaltensauffällig gegen so manche Milchglasscheibe, ob mit einer Kolumne oder dem inzwischen viel beachteten „Appell für freie Debattenräume“, den Gunnar Kaiser und ich initiiert haben.

Doch wir leben in einer Zeit, in der es nicht mehr selbstverständlich ist, dass 2+2 = 4 ergibt. Wir erleben seit Jahren einen Angriff auf die Logik, die klare Sprache, das bessere Argument. Zuletzt wurde in Edinburgh beschlossen, dass ein Universitätsgebäude nicht mehr nach David Hume benannt sein soll. Hume war nach Plato und neben Francis Bacon einer der großen Philosophen, die sich mit der Gefahr verzerrter Geisteswahrnehmung und dem Prozess der Urteilsbildung beschäftigt haben. Sein Name wird Folgegenerationen vielleicht schon nicht mehr bekannt sein. Jemand verändert gerade den Code, den freie Gesellschaften seit der Aufklärung gemein haben. Wenn es nicht die Kraft des Einzelnen ist, die das jetzt aufhält, macht es niemand.

Ein Text spricht für sich allein. Meine Texte finden sich seit Jahren ungefragt auf irgendwelchen Blogs, in ausländischen Magazinen, ja sogar dem Osservatore Romano, der Zeitung des Vatikanstaats wieder. Letzterer ist übrigens immer noch unbezahlt (soviel zum Gebot, du sollst nicht stehlen). Zurück zum Thema: Ich glaube einfach nicht an Kontaktschuld und schon gar nicht an eine für Texte. Wie soll das auch gehen: geht die vermeintliche Toxizität eines Portalbetreibers auf den Text und den Autor über und ergreift dann die Redaktion des Ursprungsmediums? Es ist ein wenig lächerlich. Müsste dann nicht umgekehrt ein Slavoj Zizek, von dem es quasi identische Texte auf RT Deutsch und in der NZZ gibt, nicht ebenfalls zur persona non grata erklärt werden? Oder ein Giorgio Agamben, der im Mainstream publiziert, aber auch auf der alternativen Seite Rubikon.news? Man sieht, mit dem Thema Kontaktschuld wird es schnell heikel, etwas willkürlich und auf unelegante Weise folgenreich.

Der Rauswurf bei der NZZ war sicher nicht geplant und gewollt aber er war es vielleicht letztendlich wert, wenn es gelingt, eine Diskussion auszulösen um Kommunikation wieder gelingen zu lassen. Dazu gehört, Diffamation und Kontaktschuld sowie alle sonstigen spalterischen oder distanzierenden Elemente aus dem Debattenraum zu entfernen.

Deshalb: Wir brauchen jetzt ein Detox des Debattenraums. Das geht nur, wenn Wissenschaftler, Künstler, Intellektuelle und alle mit Ideen sich an einen runden Tisch setzen. Unser Appell ist ein solches Gesprächsangebot.

Ich hatte sechs wunderbare Jahre als Kolumnist der NZZ. Ich gehe nicht im Groll sondern in Dankbarkeit.

Und lasse diese kleine geistige Handreichung als Abschiedsgeschenk da.

Vorab exklusiv überbracht von dem Boten Gunnar Kaiser via Youtube:

Ich kümmere mich jetzt um den Appell. But I´ll be back.

#Covidioten #NZZ #SolomonAsch #Konformität #Debattenkultur